Stiftung Stadtgedächtnis

Stiftung Stadtgedächtnis

Ansprache Konrad Adenauer, Historisches Rathaus der Stadt Köln, 29.09.2015

  • 1. Oktober 2015
  • Geschrieben von Stiftung Stadtgedächtnis - Redaktion
  • Artikel aus Die Stiftung
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Sehr geehrte Damen und Herren,

ganz herzlich möchte ich mich bei der Stadt Köln dafür bedanken, dass sie mir bei dem heutigen Empfang die Möglichkeit bietet, mich und meine Arbeit für die Stiftung Stadtgedächtnis vorzustellen.

Es gibt Ämter und Aufgaben, die sucht man sich gezielt – und andere, die finden einen ohne eigenes Zutun. Die Aufgabe, in die ich heute eingeführt werde, gehört zweifelsohne zur zweiten Kategorie.

Projekte, mit denen man glänzen kann, sind gut für unser Ego. Gerade darum fühlen wir uns von ihnen angezogen. Das ist menschlich. Projekte, die Beulen und Kratzer haben, die kränkeln oder sogar fast aufgegeben sind, lösen automatisch unser Frühwarnsystem aus: „Vorsicht, Ansteckungsgefahr, Abstand halten“.

Die Stiftung Stadtgedächtnis ist vermutlich ein solches Projekt. Mir steht es nicht an – insbesondere nicht hier und heute – die Vergangenheit der Stiftung Stadtgedächtnis zu beleuchten. Aber die Stiftung hat leider nicht so erfolgreich agiert, wie man es von ihr erwartet hat. Wir wissen: Der Erfolg hat immer viele Väter, der Misserfolg nur einen.

Aber warum hat mein Frühwarnsystem versagt, als ich gefragt wurde, ob ich diese Funktion übernehmen würde? Das hat zunächst einige ganz persönliche Gründe: Mein erster Kontakt mit dem HAStK erfolgte Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als ich mit meiner Studentenverbindung Eckart das alte Archiv am Gereonskloster unter seinem Direktor Arnold Güttsches, einem meiner Bundesbrüder, besuchte. Es folgte die Teilnahme an einem Vortrag seines Nachfolgers Hugo Stehkämper über meinen Großvater Konrad Adenauer und seine Kandidaturen für das Reichskanzleramt in der Weimarer Zeit. Dieser Vortrag führte zu meinem Eintritt in den Kölnischen Geschichtsverein, dessen Vorsitzender ich inzwischen bin.

Stehkämper ermunterte mich auch, eine Doktorarbeit anhand der Archivakten über meinen Großvater als Präsidenten des Preußischen Staatsrats zu schreiben, die leider als solche nicht fertig wurde, aber immerhin zu einem größeren Beitrag in dem von Stehkämper herausgegebenen Mammutwerk „Konrad Adenauer als Oberbürgermeister von Köln“ führte.
Als dann der Bankier Johann Heinrich von Stein vor 30 Jahren starb, warb mich Stehkämper als dessen Nachfolger im Amt des Schatzmeisters der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde an, das einzige Vorstandsmitglied neben dem stellvertretenden Schatzmeister, der nicht Fachgelehrter sein muss. Dadurch lernte ich das eingestürzte Archiv in der Severinstraße intensiv kennen, da der Vorstand dort beheimatet war. Neben dem Einsatz in der Vergangenheit für die Erhaltung des Personalstocks des Archivs habe ich einen Beitrag zu der Sammelschrift über den Einsturz des Archivs beigesteuert, außerdem habe ich als Notar im Auftrag einer Agentur an der Gründung einer Stiftung für die Rettung der untergegangenen Archivalien gearbeitet. Diese Arbeit war umsonst. Die Stiftung Stadtgedächtnis, der ich jetzt vorstehe, wurde anderweitig gegründet. Dafür wurde ich Mitglied der noch bestehenden Retterrunde der Stiftung – also stand das HAStK schon lange in meinem Fokus. Insofern war ich innerlich sehr berührt, als die Kulturdezernentin der Stadt Köln, Frau Laugwitz-Aulbach, mich im Auftrag des Oberbürgermeisters Roters anrief und nach meiner Bereitschaft frug, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Stadtgedächtnis zu werden. Nach kurzer Bedenkzeit nahm ich diesen Antrag an.

Aber es gibt weitere Gründe, die vielleicht gravierender sind. Erstens: Ich bin davon überzeugt, dass eine Stadt, die über eine Historie von 2.000 Jahren verfügt – und auf diese zu Recht stolz ist – ihr Gedächtnis nicht verlieren darf. Wenn wir aus unserer Geschichte lernen wollen, dann müssen wir sie kennen, erforschen und weitererzählen. Sie ist die kulturelle Substanz unserer Stadtgesellschaft. Einen solchen Substanzverlust können wir uns einfach nicht leisten.

Zweitens: Ich glaube an die produktive Kraft und Kreativität unserer Bürgergesellschaft, die zusammensteht, wenn es darauf ankommt. Von meinem Großvater stammt der nicht näher nachweisbare Satz über die wahren Antriebskräfte unserer Kölner Stadtgesellschaft: „Man kennt sich, man hilft sich.“ Das ist oft als Definition des „Klüngels“ missverstanden worden. Ich würde es gerne anders interpretieren: Diese Stadt lebt davon, dass wir um die gegenseitigen Probleme wissen und nicht mit ihnen alleine gelassen werden. Kölner haben ein großes Herz und viel Empathie. Dafür gibt es viele Beispiele in der Vergangenheit. Kölner stehen zusammen – nicht nur samstags, wenn der FC spielt. Nur wenn uns der Schulterschluss bei der wichtigen Mammutaufgabe „Rettung unseres Stadtgedächtnisses“ gelingt, werden wir unserer Stadt etwas zurückgeben können, das für sie überlebenswichtig ist. Das ist meine feste Überzeugung.

Drittens: Ich möchte die Chancen nutzen, auch wenn ich mich dabei persönlich Gefahren aussetze. Den Vorwurf, wir hätten es nicht noch einmal versucht, wollen wir uns selbst später nicht machen müssen. Konkret: Die Geschichte unserer Stiftung interessiert mich nur insofern, als sie uns Hinweise gibt, Dinge besser zu machen. Wir schauen nach vorne!

In den letzten Monaten und Wochen haben wir eine sehr gründliche Bestandsaufnahme gemacht und diskutiert, ob (und wenn ja, wie) es weitergehen kann. Eines ist uns ganz klar geworden, die Arbeit unserer Stiftung kann nur dann Früchte tragen, wenn es uns gelingt, unsere Stadtgesellschaft zu gewinnen. Wir brauchen eine breite Allianz aller Veedel, Milieus, Kulturen und Professionen dieser Stadt.

Wir werden diesen Neustart versuchen. Im Moment arbeiten wir an Ansätzen, wie wir das Projekt wiederbeleben können. Noch in diesem Jahr werden wir unseren Gremien die Ergebnisse präsentieren. Dabei haben wir keine Angst vor Ansteckungsgefahr. Und unserem Frühwarnsystem misstrauen wir an dieser Stelle. Nach einer Risikoabwägung sind wir sicher, die Sache ist es wert.

Wir würden uns freuen, wenn Sie dies genauso sehen. Misstrauen auch Sie Ihrem inneren Frühwarnsystem. Machen Sie mit bei dieser so enorm wichtigen Aufgabe für unsere Stadt.

Köln braucht jetzt vor allem Sie!

Aber bevor Günter Schwanenberg wieder zur Gitarre greift und Auszüge aus seinen „Musikalischen Stadtgeschichten“ zum Besten gibt, möchte ich ihm herzlich danken für die musikalische Bereicherung dieser Veranstaltung. Er hat z.B. schon auf Benefizveranstaltungen des Fördervereins der Freunde des Historischen Archivs musiziert und erhielt im vergangenen Jahr den Severinsbürgerpreis.

Mein Dank geht auch an Johanna R. Wiens und Martina Kaiser. Frau Wiens zeigt heute hier eine Auswahl von Bildern aus ihrer Werkserie „Das verlorene Gedächtnis“. Frau Kaiser unterstützt als Galeristin die Künstlerin. Aus dem Erlös des Verkaufs der Werke unterstützen beide die Stiftung Stadtgedächtnis und damit die Restaurierung der beschädigten Archivalien.

Mein Dank geht auch an die Kunsthistorikerin und Wirtschaftswissenschaftlerin Frau Dr. Lucci, die gleich anschließend in das Werk von Johanna R. Wiens einführen wird.

 

Vielen Dank!

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