Stiftung Stadtgedächtnis

Stiftung Stadtgedächtnis

Das Historische Archiv

Ein privilegierter Ort

Das Historische Archiv der Stadt Köln verdankt seine herausragende Bedeutung der Rolle Kölns als Modellfall der europäischen Geschichte. Die älteste deutsche Großstadt entwickelte sich auf Grund ihrer Grenzlage und zentraler Verbindungen über römische Fernstraßen und den Rhein bereits im 1. Jahrhundert zu einem bedeutenden Fernhandelszentrum. Die ausgedehnte Handelstätigkeit führte schon 1130 zur Verschriftlichung der Rechtsgeschäfte. Die Wahrung der städtischen und bürgerlichen Interessen schlug sich ab 1322 in der Bewahrung der Dokumente im ersten Kommunalarchiv nördlich der Alpen nieder. Als religiöses und kulturelles Zentrum und als gut befestigter Zufluchtsort wurde Köln im Mittelalter zum Anziehungspunkt für Menschen und Ideen aus ganz Europa. Die schriftlichen Spuren dieser vielfältigen Einflüsse finden sich von Beginn an in den Beständen des Stadtarchivs wieder. Die differenzierte Sammlungstätigkeit entspringt dem praktischen Denken der 400 Jahre währenden bürgerlichen Selbstverwaltung. Von Zerstörung und Krieg weitgehend verschont, konnte sich Köln das einzigartig dichte Sammlungsprofil seines Archivs bewahren. Aus rechtlichen und wirtschaftlichen Innovationen unter napoleonischer Herrschaft, der erhöhten Aktenproduktion im Zeitalter der Industrialisierung, Namensregistern der rasch wachsenden Stadtbevölkerung, Unterlagen privater Kunstmäzene und des Kölnischen Kunstvereins, der Dokumentation des architektonischen Bestands durch die Stadtplaner der Weimarer Zeit oder zahlreichen Nachlässen einflussreicher Bürgerfamilien ergab sich so eine enorme Ausweitung der Bestände, die heute ein fast lückenloses Panorama der urbanen Entwicklung im letzten Jahrtausend bieten. Die Existenz dieses modellhaften Archivs trug früh zur Ausbildung eines starken historischen Bewusstseins innerhalb der Kölner Bürgerschaft bei. Mit Gottfried Hagens Reimchronik von 1270 begannen die Kölner, ihre Geschichte aufzuschreiben. Chronistik und Archiv führten Jahrhunderte lang eine produktive Wechselbeziehung. Im Wettbewerb der Wirtschafts- und Kulturstandorte versuchen die Kommunen von heute, sich als starke Marken zu profilieren. In Köln findet die bewusste Modellierung der städtischen Identität bereits seit Jahrhunderten statt. In einer intensiven Bezugnahme auf die eigene Geschichte verständigt sich die Bürgerstadt über ihr Leitbild und ihren Wertekanon. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Historische Archiv seit dem Einsturz des Gebäudes bietet die große Chance, die Institution als lebendiges Bürgerarchiv wiederzubeleben und als frei zugängliches Medium für das bürgerschaftliche Selbstverständnis zu etablieren.

Das Archiv als Gedächtnis der Stadt und als Spiegel lokaler Lebenswelten

Mit Leonard Ennen begann die Entwicklung zum modernen Kommunalarchiv, das sich nicht auf den bedeutenden Altbeständen ausruhte und dabei modernes Schriftgut vernachlässigte. Die Überlieferungen aus den Ämtern und Dienststellen der Stadt Köln, aber auch die zahlreichen Sammlungen und Nachlassbestände wuchsen stetig an. Das Archiv blieb lebendig, vermied eine einseitige Ausrichtung und stellt daher heute ein fast einzigartiges Ensemble von Beständen dar. Es spiegelt in außergewöhnlicher Weise nicht nur Politik und Recht wider, sondern auch Kulturleben, Alltag, Religion, Wirtschaft, Soziales, Bildung und manches mehr aus 1.000 Jahren Sammlungsgeschichte – für Köln, aber auch weit darüber hinaus.

Die Stadt trug der Bedeutung der Bestände Rechnung, indem sie den im Jahr 1897 bezogenen, repräsentativen Neubau am Gereonskloster für ihr Archiv und ihre Bibliothek herrichtete. Dieser Zweckbau erlitt im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden. Jedoch hatten Archivleitung und städtische Dienststellen rechtzeitig für eine Evakuierung der Bestände gesorgt, die auf diese Weise den Bombenkrieg – im Gegensatz zu den laufenden Akten in den Registraturen der Verwaltung – unbeschadet überlebten.

Ein kollektiver Wissensschatz

Der Bestand des Historischen Archivs der Stadt Köln ist auf Grund der Wucht des Einsturzes zu 100 Prozent in Mitleidenschaft gezogen. Im Fokus des öffentlichen Interesses steht die Summe zahlreicher herausragender Einzelbestände: Originale von Albertus Magnus, Napoleon, Jacques Offenbach, Giuseppe Verdi, Karl Marx, Konrad Adenauer und Heinrich Böll neben Unterlagen des Domstifts, Akten und Urkunden der Hanse, der französischen revolutionären Verwaltung und zum Vertrag von Locarno 1925, dazu die ältesten überlieferten nicht-religiösen Textzeugen hebräischer Sprache oder das erste Schriftzeugnis jiddischer Sprache. Nahezu singulär sind die 81 Schreinskarten, 585 Schreinsbücher und 2789 Schreinsurkunden, in denen in großer Dichte Immobiliengeschäfte seit der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts dokumentiert sind. Solche einzigartigen Zeugnisse jenseits großer Haupt- und Staatsaktionen machen das Kölner Archiv zu einem der wenigen Orte überhaupt, an denen die systematische Erforschung des mittelalterlichen Alltagslebens möglich ist. Das Historische Archiv verdankt seine ungewöhnlich große Bedeutung auch und gerade den detaillierten Zeugnissen aus dem gewöhnlichen Alltagsleben. Das vitale Ensemble aus Kaiser- und Papsturkunden auf der einen Seite und zum Beispiel die nahezu lückenlosen Protokolle sowie Brief-Eingänge und -Ausgänge des Kölner Rates seit dem 14. Jahrhundert auf der anderen Seite bieten eine sehr dichte Überlieferung mit zahlreichen Quellen zur Kunst-, Kultur-, Bildungs-, Wissenschafts-, Religions-, Migrations-, Verkehrs-, Handels- und Wirtschaftsgeschichte ganz Europas.

  • 1.200 Jahre europäische Geschichte
  • 700 Jahre ununterbrochene Sammlungstätigkeit
  • 1.500 Regalmeter mit Akten aus der Zeit vor 1850
  • 20.000 Regalmeter mit Akten aus der Zeit nach 1850
  • 65.000 Urkunden aus Mittelalter und Früher Neuzeit
  • 1.800 mittelalterliche Handschriften
  • 11.000 historische Siegel
  • 500.000 Fotos
  • 860 Nachlässe und Sammlungen