Stiftung Stadtgedächtnis

Stiftung Stadtgedächtnis

Die Rettung

Warum Restaurierung?

Der besondere Wert eines Archivs ergibt sich aus der großen Menge der Einzelstücke, die in ihrem Zusammenspiel immer wieder neue Antworten auf die Fragen an die Geschichte ergeben. Dabei bilden die ca. drei bis fünf Prozent städtischer Akten, die zur Dokumentation des Verwaltungshandelns in das Archiv übernommen werden, den Kern der Bestände. Durch seine große Bedeutung im Mittelalter und die schon damals ausgeprägten Beziehungen Kölns zu vielen Städten in Europa, reichen die Bestände über 1000 Jahre zurück und sind damit eine einmalige Schatzgrube für alle interessierten Menschen. Ergänzt wird diese Überlieferung durch über 800 Nachlässe.

So kann zum Beispiel aus dem Zusammenspiel von Katasterunterlagen, Bauakten und Einwohnermeldeakten sowie Architektennachlässen ein interessanter Einblick in die Entwicklung der Stadt genommen werden.

Das Archiv stellt für jeden Bürger die Möglichkeit dar, Verwaltungshandeln nachzuvollziehen. Offen zugängliche Archive sind daher auch immer ein Zeichen für transparentes Regierungshandeln und Basis jeder Demokratie.

Dabei sind viele wertvolle Stücke aus dem Mittelalter ursprünglich „unbedeutende“ Schriftstücke aus dem Alltagsgeschäft, und viele „unbedeutende“ Verwaltungsschriftstücke von heute werden in 500 oder 1000 Jahren ehrfurchtsvoll in die Hände genommen werden. Die Auswahl der in das Archiv übernommenen Dokumente erfolgt nach gesetzlich geregelten Vorgaben und sie werden damit zum Kulturgut. Dieses Kulturgut zu erhalten ist Auftrag des Gesetzgebers und heißt im Falle Kölns, die Wiederherstellung und Restaurierung des Archivbestandes.

Dies kann auch nicht durch eine Digitalisierung der Bestände ersetzt werden, denn bei Archivalien handelt es sich im Gegensatz von Bibliotheksgut um einmalige Originale. So wird durch die Digitalisierung zwar der Zugriff auf die Informationen leichter, aber sie kann auf keinen Fall das Original ersetzen.

Geborgen, aber noch nicht gerettet

Die Arbeit der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerks konzentrierte sich zunächst auf die Suche nach vermissten Personen. Das beim Abtragen des Schuttkegels geborgene Archivgut wurde dabei an Archivare und freiwillige Helfer zur weiteren Bearbeitung übergeben.

In einem nächsten Schritt wurden der erhaltene Verwaltungstrakt und die darunter liegenden Kellerräume mit den mittelalterlichen Urkundenbeständen, der 300.000 Bände umfassenden Dienstbibliothek und der Fotosammlung geborgen. Auch diese Bestände sind beim Einsturz verschmutzt sowie verunordnet und teilweise mechanisch beschädigt worden.

Ab November 2010 begann die Grundwasserbergung, bei der nach Errichtung eines aufwendigen Bergungsbauwerks das Archivgut mit Tauchern aus einer Tiefe von 12 bis 28 Meter unter Straßenniveau geborgen wurde. Auf diese Weise konnten noch einmal 575 Meter Archivgut zurückgewonnen werden.

Heute sind ca. 95 % der rund 30.000 Meter umfassenden Archivbestände geborgen. Das gesamte Material muss zumindest vom alkalischen Betonstaub gereinigt werden.

Die Einsturzstelle an der Severinstraße

Die Einsturzstelle an der Severinstraße

Gefriertrocknung – Modernste Technik im Einsatz

Das nass geborgene Archivgut wurde in Folien eingeschlagen und bei -22°C schockgefroren. Bis Anfang 2014 wurden die etwa 10 Prozent des davon betroffenen Archivguts in den sieben in der Bundesrepublik vorhandenen Vakuumgefriertrocknungsanlagen gefriergetrocknet. Dabei werden die Archivalien unter Vakuum erwärmt, so dass das Eis sofort in Dampf umschlägt und die kostbaren Dokumente nicht wieder nass werden. Im Anschluss daran werden nun in aufwendiger Handarbeit Verblockungen gelöst und Seite für Seite mit Ziegenhaarpinseln und Kautschukschwämmchen gereinigt. Bei schwereren Schäden folgt dann die eigentliche Restaurierungsarbeit.

blaueBoxen Archivboxen

Gefriertrocknung1_klein Archivalie zur Gefriertrocknung

Gefriertrocknung_klein Gefriertrocknung

Stipendiatinnen Arbeit an der Werkbank

Asylarchive und Bestandserfassung – Das größte Puzzle der Welt

Bei der Bergung an der Unglücksstelle wurden die trockenen Archivalien in Archivkartons gepackt und auf bis zu 20 „Asylarchive“ verteilt. So kann es sein, dass heute in einem Karton neben einem mittelalterlichen Ratsprotokoll, ein Manuskript eines Literaten, Bibliotheksgut und Akten des Veterinäramtes liegen.

Fachkräfte des Archives sind seit Oktober 2009 damit beschäftigt in den Asylarchiven jeden Karton zu öffnen, den Inhalt zu identifizieren, auf Schäden zu überprüfen und, falls möglich, einem Bestand zuzuordnen. Diese Arbeit wird erschwert, da häufig die Aktenordner aufgesprungen sind, Aktendeckel fehlen und Bindungen sich gelöst haben.

Die sogenannten Bergungseinheiten, ob identifizierte Akten oder nicht zuschreibbares Einzelblatt, werden mittels einer speziell entwickelten Bergungssoftware erfasst. Alle erfassten Bergungseinheiten werden sicher verpackt und bekommen einen Barcode zugewiesen. Dadurch wird jedes Stück unverwechselbar, und es kann jederzeit genau nachvollzogen werden, welche Einheit sich wo und in welchem Zustand befindet.

Archivboxen_Sichtung Sichtung der Boxen

Die Digitalisierung – Das Archiv der Zukunft?

Alle Stücke werden digitalisiert, um sie einem möglichst breiten Publikum auch im Internet verfügbar zu machen. Gleichzeit wird mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft daran gearbeitet ein Web 2.0-Portal aufzubauen, um mit dessen Hilfe bislang unidentifizierte Stücke der weltweiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Ehemalige Nutzer, frühere Mitarbeiter oder Vorlassgeber und Nachlassgeber werden so dazu eingeladen, ihr Wissen bei der Identifizierung von Archivgut einzubringen.

Kurz nach dem Einsturz wurde das Digitale Historische Archiv (www.historischesarchivkoeln.de) bereitgestellt, in dem bereits vorhandene Digitalisate aus der Sicherungsverfilmung für die allgemeine Nutzung bereitgestellt wurden. Ergänzt werden diese Abbildungen durch Bilder, die ehemalige Nutzer zur Verfügung gestellt haben.

Digitalisierung Digitalisierung

Die Restaurierung – Jedes Stück zählt!

Die durch den Einsturz entstandenen Schadensbilder an den Kölner Archivalien sind vielfältig. Alkalischer Betonstaub und Erdreich haben das gesamte Archivgut verunreinigt. Sie bewirken langfristig eine Zersetzung des Papiers und einen mechanischen Abrieb an der Oberfläche. Eine Reinigung mit speziellen Kautschukschwämmen, Bürsten, Pinseln und Druckluft, um sie von Staub und Schmutz zu befreien ist der erste Schritt der Rettung. Diese Arbeiten werden im Restaurierungs- und Digitalisierungszentrum (RDZ) des Historischen Archiv in Köln-Porz vorgenommen.

Bürstenreinigung_Trocken2 Trockenreinigung mit Bürste

Ziegenhaarpinsel_klein Trockenreinigung mit Ziegenhaarpinsel

JaquesOffenbach_Schwämmchen_klein Trockenreinigung mit Latex-Schwämchen

Viele Archivalien haben mechanische Schädigungen beim Einsturz des Archivs davongetragen. Es handelt sich hierbei um Knicke, Stauchungen, Risse und Fehlstellen bis hin zur völligen Fragmentierung und Deformierung.

Briefbuch_vorher Briefbuch vor der Restaurierung

Briefbuch_nachher Briefbuch selbe Stelle nach der Restaurierung

Benutzbare Originale – Besucher willkommen!

Seit dem 1. Januar 2012 sind im Lesesaal des Restaurierungs- und Digitalisierungszentrums in Köln-Porz wieder Archivbestände im Original einsehbar. Nach der Reinigung und Restaurierung werden kontinuierlich Stücke von den Archivaren wieder zur Benutzung freigegeben. Über den aktuellen Stand der verfügbaren Archivalien informiert die Liste auf der folgenden Internetseite, bitte hier klicken.